Schlagwörter: Revolte

11.11.2016 | Movie „Paris Rebelle“ with English and German subtitles!

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FILMVORFÜHRUNG ZUM INTERNATIONALEN GEDENKTAG
FÜR BETROFFENE UND TODESOPFER RECHTER GEWALT

Am 23.09. feierte unsere Dokumentation „Paris Rebelle – zwischen Rechtsruck und Revolte“ über das Gedenken an Clément Méric, die soziale Bewegung in Frankreich anlässlich der Proteste gegen die neoliberale Arbeitsmarktreform, den anhaltenden Rechtsruck im Land und antifaschistische Kämpfe Premiere. Weiterlesen

Trailer – Paris Rebelle | SUBTITLED

Anfang Juni 2016 reisten wir, die North East Antifascists Berlin [NEA], Left Report und Freund*innen nach Paris, um uns an den Gedenkaktionen rund um den dritten Todestag von Clément Méric, der 2013 von Nazis ermordet wurde, zu  beteiligen.

Nachdem wir schon im Jahr 2015 eine Interview-Dokumentation über den Mord an Clément, den französischen Rechtsruck und antifaschistische Kämpfe in Paris namens „Une vie de lutte – der Kampf geht weiter“ veröffentlichten, konnten wir dieses Jahr einige Genoss*innen wiedertreffen und viele neue Menschen kennenlernen und interviewen. Weiterlesen

Demo-Bericht vom 14.06 aus Paris

Den folgenden Text haben wir von Indymedia übernommen. Bilder aus Paris von PM Cheung.

Übersetzung: Bericht von der Spitze der Demo am 14. Juni in Paris

Übersetzung des Artikels „Témoignage en tête de cortège mardi 14 juin à Paris“ von Johnny, weitere Veröffentlichung des ursprünglichen Textes hier auf paris-lutte.info

Das ist nur eine schnelle und unprofessionelle Übersetzung. Ergänzungen / Korrekturen bitte gern in die Kommentare.

Augenzeuginnenbericht über Polizeigewalt von einer Demonstrantin („Gewerkschaftlerin und bei „Nuit Debout“), noch warm geschrieben nach der Demo gegen das Arbeitsgesetz am 14. Juni in Paris.

Bei Gobelins sind die Reihen sehr dicht, die Demo geht los. Der erste Block wird sehr schnell angegriffen. Ein Jugendlicher wird durch die Bullen einkassiert. Es wird von mehreren Leuten versucht, das Spiel zu beruhigen und die Fassung wiederzugewinnen. Ein CRS-Bulle beendet es damit, dass er sagt, dass wir sie ihre Arbeit machen lassen sollen. Plötzlich fliegt ein von CRS-Bullen umringter älterer Mann auf die Straße, mit blutüberströmtem Kopf. Ich frage also den CRS-Bullen, ob das seine Arbeit wäre?

Die CRS-Bullen legen dem Verletzten Handschellen an, der auf den Boden gebracht wird. Wir protestieren und rufen. Er sitzt auf dem Boden, wir fordern, dass sie einen Krankenwagen rufen.

Es folgen Schiebereien: nach links, nach rechts, nach links, nach rechts. Die CRS-Bullen dringen brüllend in die Demo ein, mit gezogenen Knüppeln. Menschen fallen hin. Ab und zu schaffen wir es, die Straße unter „Verpisst euch“-Rufe von CRS zu befreien. Ab und zu laufen wir hinter ihnen her, um eine Festnahme zu verhindern. Plötzlich reißen sie brutal ein paar Mädchen hoch, die auf dem Boden saßen. Ich höre gerade noch, dass eine von ihnen am Kopf verletzt sei. Sie kreisen sie ein.

Dann sagt mir ein Sani, dass sie nur noch Kopfverletzungen versorgen. Die Bullen schlagen sehr stark zu und vor allem auf den Kopf. Viele Leute laufen am Ende der Demo mit Bandagen… Ich sage mir, dass ich dann wohl einen Helm brauche. Dazu rät er mir unbedingt und zeigt mir eine Stelle an seinem Helm, die von einem Knüppel eingedellt wurde. Zum Glück hatte er einen Helm…

Nach dem zigsten Hin- und Herschieben gehen wir weiter. Als die Reihen gerade etwas dünner sind, kommt eine Tränengasgranate von hinten im Tiefflug zwischen die Beine eines Demonstranten vor uns angeflogen.

Er lässt sich komplett zu Boden fallen, als das Unglück passiert: im Fallen klemmt er die brennende Granate zwischen seinem Hals und dem Asphalt ein. Drei, vier Leute werfen sich auf ihn, um die Granate wegzustoßen. Er bewegt sich nicht mehr. Wir bilden eine große Gruppe um ihn herum und rufen die Sanis und den Krankenwagen. In dem Moment, wir sind gerade sehr viele, kommt das CRS wieder auf uns zu, um uns zu vertreiben und um den Verletzten herum Position zu beziehen. Da entscheiden wir kollektiv und ohne zu reden, dass wir gegen die CRS kämpfen werden, um sie zu vertreiben und ihn zu beschützen, trotz der Geschichte von Romain D. Und ohne auf die vielen bereits Verletzten und Angeklagten unter uns zu achten. Es gelingt uns: sie ziehen sich zurück, aber während des Kampfes haben sie zwei weitere verletzt, die nun neben dem anderen Verletzten auf dem Boden liegen. Eine Wolke aus Tränengas ist weiterhin um uns herum. Es ist die Hölle. Wir rufen, dass sie aufhören sollen. Ein großer Kreis bildet sich um die Verletzten herum. Wir leisten drei Verletzten Hilfe, von denen einer immerhin wieder aufstehen kann, und wir spülen mit Maalox, weil das Gas brutal wirkt.

Der Krankenwagen kommt endlich an, aber wir müssen erst noch darauf bestehen, dass jede der verletzten Personen von einer anderen Person im Krankentransport begleitet wird. Ein kleiner Applaus verabschiedet unsere beiden Verletzten, um ein bisschen Wärme und Unterstützung zu geben…

Wir gehen wieder los. Erneute Schubsereien. Der Wasserwerfer kommt angefahren und beschießt die Demonstrant_innen, die weiter unten stehen.

Wir gehen wieder weiter, nach wie vor im Tränengas und unter Blendschockgranate. Immer noch regelmäßige Angriffe der Bullen.

Als wir auf Höhe des hôpital des Invalides angekommen sind, setzen wir uns auf die Begrenzungssteine der Parkplätze. Wir ruhen uns etwas vor und nehmen uns vor, danach etwas weiter hinten im Gewerkschaftsblock mitzulaufen.

Von weitem kommt eine Reihe CRS angelaufen, die Demo einkesselnd. Wir werden aufgefordert, aufzustehen und gehen dann mit dem zweiten Demoblock weiter. Zwei Reihen CRS stehen uns gegenüber und hindern uns am Vorankommen. So kommen wir an den Invalides an.

Der Wasserwerfer deckt den Platz ein, der bereits von Tränengas überflutet ist.

Ich versuche nach hinten zu gelangen, um meinen Freund wiederzufinden. Ich komme wieder am selben Parkplatz an und sehe ein Stück entfernt eine Doppelkette CRS, die die Demo blockieren. Ich sehe ein, dass sie den Platz wohl räumen wollen, bevor sie uns dort ankommen lassen.

Wir werden also brutal angegriffen und und eingegast, es regnet von überall her. Ein Demonstrant spült mir die Augen mit einer Lösung aus. Ich sehe nichts mehr. Der Gewerkschaftsblock biegt in eine Querstraße ab, um der Flut zu entgehen. Ich bleibe in der Mitte des Blocks und sehe dann im dichten Nebel einen Demonstranten an der Seite mit einem Loch im Oberschenkel, das blutet. Leute helfen ihm. Ein bisschen weiter die gleiche Szene: ein großes Loch im Oberschenkel, es blutet stark. Ich gehe in die Nähe des Menschen, der von mehreren versorgt wird, weil immer noch alles voller Tränengas ist und ich befürchte, dass wir alle mit dem Menschen am Boden von Bullen angegriffen werden könnten. Seine Freund_innen beschließen ihn nach hinten wegzutragen, weil man hier nicht mehr atmen kann. Ich verteile Maalox-Pulver, bis ich erschöpft bin. Ich kann nicht mehr helfen und gut zureden…

Ich treffe Genoss_innen, ich geben ihnen den Namen und die Telefonnummer von einer linken Anwältin. Dann gehe ich noch weiter in Richtung des hinteren Lautis, weil es eh nicht mehr vorangeht. Ab jetzt blockieren Wannen die Straße hinter den CRS-Bullen.

Dann kommt ein Freund von Nuit Debout auf mich zu und fragt nach Hilfe für einen stark Verletzten, weil der Krankenwagen nicht kommt. Der Mensch liegt am Rand eines Blumenbeets. Er hat eine Blendschockgranate zwischen die Beine bekommen. Er ist in dem ganzen Bereich verbrannt, seine Hose hängt in Fetzen und er hat starke Schmerzen.

Der Krankenwagen kommt eine Stunde nach dem ersten Notruf an. Das ist sehr spät, viel zu spät, wenn man sich die Gewalt ansieht, mit der wir konfrontiert worden sind, eingegast, mit Blendschockgranaten und Granaten beworfen.

Ich gehe mit meinem Freund, meinem Sohn und einigen Genoss_innen in Richtung Montparnasse weg. Mein Sohn hat einen Knüppelschlag auf die Schläfe abbekommen, mein Freund hat sich mit Zivilbullen geschlagen, aber wir haben nichts Schlimmes abbekommen im Anbetracht der anderen Verletzungen, die die CRS heute schon verursacht haben.

Die Demo ist noch nicht an ihrem Zielpunkt angekommen, sie wurde abgebrochen. Aber wir waren hunderte Militante auf der Straße, alle vereint, und haben uns nichts vorzuwerfen, unter dem Eindruck der Widrigkeiten, denen wir begegnet sind und die uns zusammenschweißen. Die Demospitze war nochmal kräftiger, nach wie vor entschlossen und extrem aufmerksam aufeinander.

Auch der Gewerkschaftsblock hat viel Gewalt durch die Polizei abbekommen.

Aber an diesem Abend bleiben wir trotz alledem unbesiegbar, weil wir nicht verlieren können. Oder eher verdienen wir es nicht zu verlieren. Wir bereiten uns schon auf morgen und die nächsten Tage vor.

Bis wir gewonnen haben!

Eine Demonstrantin, gewerkschaftlich organisiert und bei Nuit Debout

Quelle: https://linksunten.indymedia.org/node/182106

Aufruf Gedenkdemo zum 3. Todestag von Clément Méric in Paris

Am 05. Juni 2013 wurde der erst 18-jährige Antifaschist Clément Méric von einem Mitglied der neonazistischen Gruppe „Troisème Voie“ auf offener Straße erschlagen.

Seitdem veranstalten Freund*innen, Genoss*innen, Angehörige und weitere Aktivist*innen jedes Jahr eine Gedenkdemonstration, um an den Mord zu erinnern und durch das Aufgreifen aktueller politischer Themen an seinen und unseren Kampf anzuknüpfen.

Dieses Jahr startet die Demonstration am 04.06. um 14 Uhr an der Metrostation Stalingrad in Paris.

Wir haben den Aufruf der Genoss*innen des „Comité pour Clément“ übersetzt und rufen damit auch alle deutschsprachigen Antifaschist*innen auf, sich an der Demonstration zu beteiligen!

Aufruf der Pariser Genoss*innen:

Drei Jahre danach und wir geben nicht auf!

Vor drei Jahren wurde unser Genosse Clément Méric, militanter Syndikalist und Antifaschist, am 5. Juni 2013 von einer Gruppe Neonazis des „Troisième Voie“ (Dritter Weg) umgebracht. In den Medien und mehrheitspolitischen Diskursen wird sein Tod seitdem als Zwischenfall nach einer Prügelei zwischen Banden dargestellt und somit als zufälliges Ereignis heruntergespielt, wobei der Umstand geleugnet wird, dass die Tat das Ergebnis der Verbreitung extrem rechter Idelogien in weiten Teilen der französischen Gesellschaft ist. Aktionen von neofaschistischen Gruppen geschehen vor aller Augen, offen rassistische und sexistische Ansichten sind Normalität geworden – alles Anzeichen der Etablierung eines autoritären, sexistischen, rassistischen und antisozialen Systems.

Die Attentate im Januar und November haben den Beginn einer Militarisierung der Sicherheitskräfte und der Polizei eingeleitet. Der Ausnahmezustand, unter dem wir nun dauerhaft leben müssen, bedeutet vor allem 3379 Hausdurchsuchungen unter dem Vorwand des Terrorismus, die in gerade einmal 6 Gerichtsverfahren mündeten. Muslim_innen oder die, die dafür gehalten werden, werden pauschal als „potentielle terroristische Gefahr“ angesehen und sind in kurzer Zeit zur Zielscheibe reißerischer, rassistischer Politik geworden, die die Bevölkerung in Sicherheit wiegen soll. Diese Denkweise zerstört tausende Leben. Hausdurchsuchungen und demütigende Zuschreibungen stellen physische und psychische Gewalt dar. Die jüngsten Debatten über den Verlust der Staatsbürgerschaft waren in Wahrheit nichts anderes als eine weitere Gelegenheit für die Politik, sich mit rassistischen Parolen gegenseitig zu überbieten. Dadurch versucht sich die Regierung von jeglicher Verantwortung für ihr Versagen in der inneren Sicherheit reinzuwaschen und hat ganze Familien für ihre Inkompetenz bezahlen lassen.

Die antimuslimischen Vorstöße haben Tür und Tor dafür geöffnet, jegliche Meinung zu unterdrücken, die der Regierung widerspricht. Die Entfesselung der Polizeigewalt am Vorabend des Klimagipfels COP21 zeigt dies deutlich. Die Militarisierung des öffentlichen Raumes ist kein Hirngespinst mehr, sondern alltägliche Realität. Die Politik der Repression gegen jegliche Form von Protest aus der Bevölkerung, die systematischen Freisprüche in Gerichtsverfahren bei von der Polizei verübten Straftaten, bis hin zur Willkür und Brutalität gegen die schwachen Teile der Gesellschaft unter dem Deckmantel des Ausnahmezustands, und die Kriminalisierung von Menschenrechtsaktivist_innen der BDS-Kampagne – das ist nichts anderes als der öffentliche, unmaskierte Ausdruck des Rassismus, der an allen französischen Institutionen und der Verwaltung nagt. Alle diese Vorgänge sollen uns dazu bringen, Polizeigewalt als normalen Umgang mit der Bevölkerung hinzunehmen.

Darüber hinaus ist die „Flüchtlingskrise“ nur ein weiteres Anzeichen für die Festung Europa, die längst akzeptiert hat, dass das Mittelmeer ein riesiger Seefriedhof geworden ist für die Opfer von Kapitalismus und Krieg, für die dieses Europa selbst verantwortlich ist, von Mali bis Syrien. Während die Globalisierung den freien Verkehr von Waren und Geldflüssen erlaubt, sollen die Menschen an den Mauern stehen bleiben oder eingeschlossen in Lagern oder Gefängnissen ausharren. Europa hat sich eine Festung gebaut, die letztlich die Lager sogar durch Feuer zerstören will, sei es an den Grenzen, in Calais, oder in den Pariser Bezirken in La Chapelle, Stalingrad oder Gare d’Austerlitz.

Die Zunahme rassistischer Angriffe bestätigt leider nur, was manche seit einigen Jahren vorhergesehen haben: den Sieg der Ideologie und Politik der extremen Rechten. Die Etablierung fremdenfeindlicher Politik in den Regierungen ist keine Ausnahme mehr, sondern wird zur Regel in Europa.

Die Mobilisierungen gegen die Verschärfung des Arbeitsrechts zeigen den Überdruss gegenüber dem planmäßigen Abbau sozialer Errungenschaften und der Armut als gesellschaftlicher Norm. Sie sind die Antwort an diejenigen, die denken, dass Resignation und Vereinzelung gewonnen hätten. Die Polizeigewalt und Repression gegen diese Mobilisierungen bringen eine Praxis ans Tageslicht, die in den Banlieues regelmäßig vorkommt, aber im Rest der Gesellschaft bisher Tabu war. Je mehr sich die soziale Lage verschärft, desto mehr wird die Polizeigewalt zunehmen. Der Sicherheitswahn und Rassismus dieser Politik, mit der die Regierung unsere Gesellschaft regiert, richten sich gegen die sozialen Kämpfe, die Armut und die soziale Unsicherheit.

Weil wir weder das Lächeln noch den Kampf unseres Genossen vergessen haben, weil wir die Skrupellosigkeit der Faschisten, die ihn umgebracht haben, nicht vergeben, weil wir nicht vorhaben, die Erinnerung an ihn in die Hände der Richter_innen und Journalist_innen im kommenden Gerichtsprozess abzugeben, rufen wir zur antifaschistischen Demonstration am Samstag, 4. Juni 2016 um 14h an der Metrostation Stalingrad auf.

Gegen Repression, Rassismus und rechte Gewalt: autodéfense populaire!

Left Report und Berliner Antifaschist*innen planen, dieses Jahr ebenfalls zur Gedenkdemonstration nach Paris zu reisen und vor Ort eine Kurzdoku über die Demo und aktuelle politische Entwicklungen zu drehen.

Mit dem Film „Une vie de lutte“ aus dem Jahr 2015 gelang es schon im letzten Jahr, eine sehenswerte und informative Dokumentation zu produzieren. Daran soll nun angeknüpft werden, denn wie der Aufruf der Pariser Genoss*innen deutlich macht, ist seither politisch eine Menge geschehen, über das zu berichten sich lohnt.

Um das Filmprojekt realisieren zu können, wird momentan noch Geld über ein Crowdfunding-Projekt gesammelt. Wir würden uns freuen, wenn ihr dieses mit einer Spende unterstützt und den Spendenaufruf bewerbt!

Ein AFA Filmprojekt 2016 – Offizieller Info Teaser & Spendenaufruf (auf YouTube)