Video-Bericht vom 19.08.2017 – Rudolf-Heß-Aufmarsch in Berlin-Spandau gestoppt!

Am 19.08.2017 wollten mehrere hundert Neonazis dem NS-Verbrecher Rudolf Heß in Berlin-Spandau „gedenken“.

Heß war als Stellvertreter Hitlers eine der führenden Figuren des nationalsozialistischen Regimes. 1941 wurde er in Großbritannien gefangengenommen und später bei den Nürnberger Prozessen zu lebenslanger Haft verurteilt, in Zuge derer er sich 1987 im Alter von 93 Jahren das Leben nahm.

Rudolf Heß zeigte sich während des Prozesses gegen ihn und bis zu seinem Tode als überzeugter Nationalsozialist, weshalb er von Neonazis als „unbeugsamer Held“ verehrt wird. Um seine Person und insbesondere seine Selbsttötung ranken sich zahlreiche rechte Verschwörungstheorien.

Schon vor dem Aufmarsch, zu dem die Nazis europaweit aufriefen, wurde von antifaschistischer Seite befürchtet, dass das „Gedenken“ an Heß zahlreiche Rechte und Neonazis aus unterschiedlichsten Spektren mobilisieren könnte.

Tatsächlich reisten am vergangenen Samstag mit ca. 800-1000 Nazis in Spandau weit mehr als die zuvor angekündigten 500 Teilnehmer_innen an. Während viele der Nazis mit einiger Verspätung am geplanten Auftaktort ankamen, schafften es einige von ihnen wegen zuvor verübter Sabotageakte auf Bahnstrecken gar nicht nach Spandau, was allerdings dazu führte, dass ca. 200 Neonazis in Falkensee weitgehend ungestört aufmarschieren konnten, nachdem die Bahnfahrt für sie dort unfreiwillig zuende ging.

In Spandau hingegen formierte sich zu diesem Zeitpunkt schon entschlossener antifaschistischer Protest. Zahlreiche Antifaschist*innen hatten sich zuvor an mehreren Berliner Treffpunkten für die gemeinsame Anreise zusammengeschlossen. Gegen 11.45 Uhr startete eine bunte Gegendemo mit ca. 2000 Teilnehmer*innen vom Bahnhof Spandau unter dem Motto „Keine Verehrung von Naziverbrechern! NS-Verherrlichung stoppen!“, deren Verlauf allerdings nur in deutlicher Entfernung zu der von den Nazis geplanten Route genehmigt worden war, was aktionsorientierte Antifaschist*innen zum Anlass nahmen, die Demo an geeigneter Stelle zu verlassen, um sich auf die Strecke der Neonazi-Demonstration zu begeben.

In der Wilhelmstraße/Pichelsdorfer Straße konnte sich eine erste Sitzblockade nur wenige hundert Meter vom Startpunkt der Neonazis formieren. Die Blockierenden drückten ihren Protest durch lautstarke Parolen aus, Umstehende zeigten sich solidarisch, indem sie in den umliegenden Geschäften Wasser und Lebensmittel besorgten und den Sitzenden zuwarfen, was bei den anwesenden Polizist*innen für Unmut sorgte und teils zu verhindern versucht wurde. Vielleicht hatten sie gehofft, dass die Antifaschist*innen sich wegen aufkommender Durstgefühle freiwillig von der Straße begeben würden.

Kurz nach 13 Uhr entschied sich die Berliner Polizei, die friedliche Blockade unter Einsatz teils heftiger Gewalt zu räumen.

Derweil konnte sich eine zweite stehende Blockade direkt vor der inzwischen gestarteten und nach wenigen Metern wieder gestoppten Nazidemo bilden, die von der Polizei zwar kurzzeitig angegriffen, allerdings nicht geräumt wurde. Einige Gegenprotestler*innen schafften es sogar, direkt an den Aufmarsch heranzukommen und die Nazis mit ihrem lautstarken Protest weitgehend zu übertönen.

Kurz vor 15 Uhr – nachdem sich die Nazis stundenlang zu Wagner-Opern und den vom früheren Berliner NPD-Vorsitzenden Sebastian Schmidtke vorgetragenen 15 „Beweisen“ für einen angeblichen Mord an Rudolf Heß die Beine in den Bauch gestanden hatten – wurden sie von der Polizei in die Altonaer Straße und über eine extrem verkürzte Strecke geleitet. Beim Einbiegen in die Altonaer Straße kam es zu einem Übergriff durch mehrere Neonazis auf Gegendemonstrant*innen und Journalist*innen.

Gegen 16 Uhr trafen die Nazis wieder am Bahnhof Spandau ein und hielten ihre Abschlusskundgebung ab, wobei sie weiterhin von Gegendemonstrant*innen übertönt wurden.

Von antifaschistischer Seite kann der 19.08. durchaus als erfolgreicher Tag gewertet werden.

Zwar kamen zu der Naziveranstaltung deutlich mehr Teilnehmer_innen als angekündigt, teilweise sogar aus weiteren europäischen Ländern wie Frankreich. Allerdings kann die Zahl von 800-1000 Nazis angesichts der Thematik, die seit jeher ein großes Mobilisierungspotential in vielen rechten Spektren mit sich bringt, dem runden Jahrestag von Heß‘ Tod und der aufwändigen europaweiten Mobilisierung von rechts trotzdem als relativ gering eingestuft werden.

Ihr Ziel, eine mehrere Kilometer lange Strecke bis zum früheren Standort des Kriegsverbrechergefängnisses und zum Bahnhof zurück zu laufen, wurde weit verfehlt und selbst auf der kurzen Route, die ihnen die Berliner Polizei zu laufen ermöglichte, konnte die Außenwirkung der Nazis durch lauten Gegenprotest auf ein Minimum begrenzt werden.

Demhingegen beteiligten sich trotz eher kurzer Mobilisierungszeit mitten im Sommer über 2000 Menschen an den Gegenprotesten und schafften es nicht nur, den Nazis den Tag zu vermiesen, sondern zugleich ein entschlossenenes Zeichen gegen Rechts und gegen NS-Verherrlichung zu setzen.

Ob sich die Nazis im nächsten Jahr erneut die Mühe machen, sich nach Spandau aufzumachen, ist somit mehr als fraglich.

Nun ist es wichtig, an den erfolgreichen Protest anzuknüpfen und auch die nächste von Neonazis geplante Demonstration am 02.09. in Berlin-Hellersdorf zu verhindern!

Infos zum 02.09.2017 http://antifa-nordost.org/6341/02-09-naziaufmarsch-in-hellersdorf-stoppen

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LEFT REPORT | Linke Medienmacher*innen aus Berlin | August 2017

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